Reportage vom Set: Warm und kalt

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Vieles, was mit Filmemachen zu tun hat, ist wetterabhängig - und stellt die Beteiligten manchmal auf eine harte Probe. Das eingespielte Team aus Schauspielern, Technikern und Helfern erträgt die Wetterkapriolen mit Gelassenheit und Improvisation. Eine Reportage von Esther Wyss.

Der Drehtag in Grabs begrüsst die Schauspieler mit einem zartblauen, wolkenlosen Himmel. Die Sonne strahlt über die Liechtensteiner Berge. Filmszenen im Sticklokal sind angesagt. Kurz vor Drehbeginn versammelt Regisseur Kuno Bont die Schauspieler und die Crew zu einer kurzen Besprechung im Sticklokal. Hier erhält Katharina Heimarbeit vom Sticker, der ihr wohlgesinnt ist. Die Stickerin (Rosmarie Halter) beobachtet die Szene argwöhnisch. Hier im Dorf bleibt nichts verborgen, alle wissen und sehen alles.

Das Gehler Haus, neben der Kirche, ist der nächste Schauplatz. Die Einrichtung der Küche ist authentisch gestaltet und der Ofen eingeheizt. Rauch entwickelt sich. Katharina ist aus der Anstalt, wo sie schon während Jahren «versorgt» wurde, zu Fuss zu ihrer einzigen Freundin Nina (Martina Rüscher) geflohen. Sie trägt das weisse Anstaltshemd. Ihre Haare sind aufgelöst und unordentlich, die Füsse blutig. Während Nina die wundgelaufen Füsse verarztet, erkundigt sich Katharina nach Tres.

Schönwetterszenen mit düsterem Hintergrund

In der Küche ist kaum Platz für die Filmcrew und den Regisseur. Die Helfer verbringen die Wartezeit draussen an der warmen Frühlingssonne und werden von Marlis und Peter Aebi, die fürs Catering zuständig sind, mit Kaffee, Tee und leckeren Sandwiches verwöhnt.

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Martina Rüscher: Ein letzter Blick ins Drehbuch.

Um 13 Uhr zügeln alle zum Waschhaus am Mühlbach. Hier hat es noch die alte Wäschetrommel, und der Mühlbach fliesst direkt durch das Waschhaus. Über eine Stunde dauert es, bis alles für die Aufnahme bereit ist. Die Waschküchenszene wird mehrmals geprobt. Immer wieder hebt Katharina den schweren Wäschekorb hoch, ihre Schürze ist deshalb schon nach kurzer Zeit triefend nass. Glücklicherweise scheint die wärmende Sonne auch am Nachmittag. Die Enge im Waschhaus verkompliziert und verzögert die Arbeit. Es wird später als geplant. Die Schatten werden länger, es wird kühl. Die Nähe des Abends ist bereits zu spüren.

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In der Waschküche herrscht Platzmangel, deshalb wird durch das Fenster gefilmt.

Schnee und eisiger Wind

Drehortwechsel zum Gigerwaldstausee. Bei der Ankunft dämmert es bereits, die letzten Sonnenstrahlen tauchen die umliegenden Bergspitzen in rotgoldenes Licht. Auf der Staumauer liegt noch Schnee. Ein kalter Wind fegt über die Berghänge. Bis alles installiert ist, leuchten die ersten Sterne am nachtschwarzen Himmel. Hier, an diesem unwirtlichen Ort will Katharina sich das Leben nehmen. Um diese Szene authentisch filmen zu können wird eine Drohne eingesetzt. Daniel Schierscher steuert das Fluggerät und Jens Weber die daran montierte Kamera. Sie sind ein eingespieltes Team. Rot und grün beleuchtet schwebt die Drohne lautlos über dem Abgrund. Wüsste man nicht, was sich hier abspielt, könnte man glauben ein Ufo sei unterwegs. Die Drohne steigt vom Fusse der Staumauer auf und filmt Katharina, die unbeweglich auf der Mauer steht, bereit zum Sprung in die Tiefe. Da erscheint atemlos ihre Freundin Nina und ruft schon von weitem ihren Namen. Fast steht ihr das Herz still, als sie Katharina auf der Mauer sieht, den Blick gedankenverloren in die Ferne gerichtet, kreideweiss im Gesicht. Als Katharina ihren Namen hört, scheint es, als komme sie ganz langsam, von weit her in die Gegenwart zurück. Es ist nicht nur ein Kampf ums Weiterleben, sondern auch ein Kampf um das letzte Bisschen Licht für den Film. Abwechslungsweise nimmt jemand eine improvisierte Wärmeflasche entgegen, um sich die klammen Finger zu wärmen. Ein Helfer schützt sich mit einer Wolldecke vor dem eisigen Wind. Um 21 Uhr sind die Dreharbeiten beendet und alle treffen sich im schön warmen Gasthaus in Vättis um den Tag bei einem währschaften Nachtessen ausklingen zu lassen. Bald sind die Kälte und die Strapazen auf dem Set vergessen und alle sind auch ein Bisschen stolz auf das, was sie geleistet haben. Dann gehts ab nach Hause.


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